Monika Lendjel: "Selbst als Ärztin war ich zu wenig informiert."
Ärztin Monika Lendjel über Fehldiagnosen, Titanoxyd und Osteopenie - und was sie als Medizinerin daraus über die Wechseljahre lernte.
Ich bin Ärztin und wurde heuer, also im Jahr 2026, 52 Jahre alt. Es geht mir gut. Der Weg bis hierher allerdings war alles andere als leicht, denn ich habe eine herausfordernde und sehr schwierige Zeit hinter mir. Es war eine Reise, während der ich oft weder wusste, wie mir geschieht, noch, was überhaupt mit mir los ist.
Vorab zu meiner Person: Ich stehe mitten im Berufsleben und arbeite in einer Klinik. Mein Arbeitspensum liegt weit über dem Durchschnitt. Viele Schichtdienste, oft 25 Stunden durchgehend – das war für mich lange kein Problem. Trotz des immensen Stresses fühlte ich mich stets jung, fit und leistungsfähig. Überstunden? Selbstverständlich. Ich war stets mit großem Elan bei der Arbeit. Privat habe ich einen großen Freundeskreis, einen Partner und eine Familie. All das unter einen Hut zu bringen war organisatorisch herausfordernd – aber nie eine Frage der Energie.
Weder Gynäkologin noch Studium haben mich vorbereitet
Bis zu dem Tag, an dem sich alles veränderte. Plötzlich war ich nicht mehr leistungsfähig, sondern einfach nur noch unendlich müde. Ich war nicht mehr ich selbst – es war, als würde ich neben mir stehen und eine fremde Person beobachten. Gelenk- und Muskelschmerzen kamen dazu, ein diffuses Krankheitsgefühl, depressive Verstimmungen.
Als Ärztin tat ich, was ich am besten kann: Ich begann zu analysieren. Und dann traf es mich wie ein Blitz: Die Wechseljahre sind da. Vorbereitet hatte mich darauf niemand – weder mein Studium noch meine Gynäkologin. Also begann ich selbst zu recherchieren, zu reflektieren, meinen Körper neu zu lesen.
Ich erinnerte mich an meine erste Hitzewallung mit 46, mitten in der Morgenbesprechung. Innerhalb von fünf Minuten war ich klitschnass. Ich ging mich umziehen – und vergaß es danach wieder. Jahrelang passierte nichts Vergleichbares. Auch das Ausbleiben meiner Regelblutung vor einem Jahr hatte ich auf Stress geschoben. Ebenso meine seit Jahren schlechter gewordene Schlafqualität. Alles erklärte ich mir mit meinem Beruf.
Der lange Weg zur passenden Hormontherapie in den Wechseljahren
Diese Erkenntnis war jedoch erst der Anfang eines beschwerlichen Weges. Meine Gynäkologin verschrieb mir nach einer Hormonbestimmung bioidente Hormone: Östrogen zum Auftragen und Progesteron zum Einnehmen.
Anfangs besserten sich meine Symptome, vor allem der Schlaf. Doch dann folgte eine massive Verschlechterung. Ich bekam Kopfschmerzen, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Dabei leide ich seit meinem siebten Lebensjahr an schwerer Migräne mit Aura – meine Schmerzgrenze ist hoch. Doch das war nicht mehr auszuhalten.
Aus Verzweiflung setzte ich die Hormone ab. Die Kopfschmerzen verschwanden – aber alle Wechseljahresbeschwerden kehrten zurück. Zusätzlich spielte mein Blutdruck verrückt. Trotz Kompressionsstrümpfen und ausreichender Flüssigkeitszufuhr war ich plötzlich nicht mehr arbeitsfähig.
Titanoxydallergie und Osteopenie – unerwartete Diagnosen in den Wechseljahren
Ich war ratlos. Was anderen half, verschlechterte meinen Zustand. Erst eine spezialisierte Gynäkologin brachte die Wende. Sie verschrieb mir erneut Östrogen und Progesteron – diesmal als individuell hergestellte Magistralrezeptur, also ein individuell in der Apotheke hergestelltes Arzneimittel. Offenbar reagierte ich auf einen Zusatzstoff (Titandioxid) im ursprünglichen Präparat allergisch. Das erklärte sowohl die Kopfschmerzen als auch die Blutdruckschwankungen.
Mit der Zeit ging es mir besser. Ich fand langsam zu mir selbst zurück. Meine Leistungsfähigkeit stieg, mein Schlaf wurde erholsamer. Mit Unterstützung durch Vitamine und bewusste Ernährung verbesserte sich auch mein Stoffwechsel.
Doch dann kam der nächste Rückschlag: Beim Verschieben meines schweren Ficus im Wintergarten schoss ein heftiger Schmerz in meinen Rücken. Zunächst dachte ich an meinen bekannten Bandscheibenvorfall. Doch die Schmerzen wurden schlimmer – so schlimm, dass ich nachts beim Umdrehen schrie. Die Diagnose: ein Bruch der Deckplatte des ersten Lendenwirbels. Die Knochendichtemessung zeigte eine Osteopenie – eine bereits verminderte Knochendichte.
Wechseljahre: Was ich daraus gelernt habe
Aus all dem habe ich für mich einige zentrale Erkenntnisse gewonnen, die ich mit euch teilen möchte:
- Der Wechsel ist eine Transformation.
So wie die Pubertät den Beginn der fruchtbaren Lebensphase markiert, ist der Wechsel ein ebenso bedeutender Übergang. Eine Zeit, in der sich Prioritäten verschieben dürfen – und sollen. - Es fehlt an fundierter medizinischer Begleitung.
Meiner Erfahrung nach sind viele Ärztinnen und Ärzte nicht ausreichend auf das Thema Wechseljahre vorbereitet. Das betrifft auch die Beratung und Therapie. Hier sehe ich besonders die Gynäkologie in der Pflicht. Der Endokrinologie und der Bedeutung des Wechsels sollte in der Ausbildung mehr Raum gegeben werden.
Meine Osteopenie hätte möglicherweise frühzeitig erkannt und behandelt werden können. - Aufklärung ist entscheidend.
Die Wechseljahre sind weit mehr als Hitzewallungen. Sie umfassen unter anderem Schlafstörungen, Ängste, Allergien, Harnwegsinfekte, Stimmungsschwankungen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Gewichtszunahme, Wassereinlagerungen, Muskelabbau, Brain Fog, Müdigkeit, Libidoverlust und Veränderungen der Sexualität. - Es gibt auch gute Seiten.
Ich genieße die neue Gelassenheit. Dass manches nicht mehr so wichtig ist. Dass Prioritäten klarer werden. Und dass sich vieles leichter anfühlt.
Ich habe das große Glück, einen Partner an meiner Seite zu haben, der mich in dieser neuen Lebensphase unterstützt und mir mit großer Wertschätzung begegnet. Auch in meinem beruflichen und privaten Umfeld erfahre ich viel Verständnis. Ich wünsche uns allen, dass der Wechsel kein Tabuthema mehr ist. Dass wir besser informiert werden und bessere Therapien erhalten. Denn letztlich sitzen wir alle im selben Boot.
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