Schmerzempfinden in den Wechseljahren: Warum Frauen anders leiden
Gelenke, Muskeln, Migräne: Schmerzen in den Wechseljahren sind real – und werden trotzdem oft unterschätzt. Schmerzexpertin Dr. Waltraud Stromer erklärt warum.
Das sind halt die Wechseljahre, da musst du durch." Diesen Satz kennen viele Frauen. Doch dieser Satz verkennt die Komplexität der Beschwerden – Hitzewallungen, schlechter Schlaf, Stimmungsschwankungen – und er bagatellisiert, wenn Frauen in den Wechseljahren oft auch unter Schmerzen leiden: Steife Finger am Morgen. Ziehen in Schultern, Gelenken, Knien, Muskeln, die sich anfühlen wie nach einer Grippe. Migräne, Rückenbeschwerden, Unterleibsschmerzen oder Schmerzen beim Sex. In dieser Lebensphase kann sich auch die Schmerzschwelle verändern – Reize werden oft intensiver wahrgenommen.
Was lange abgetan wurde, rückt zunehmend in den Fokus der Schmerzmedizin: Frauen erleben Schmerzen anders als Männer.
Und sie sind von vielen chronischen Schmerzerkrankungen häufiger betroffen – etwa Migräne, Fibromyalgie oder rheumatischen Erkrankungen. Frauen haben öfter Schmerzen und Schmerzerkrankungen als Männer, betont Oberärztin Dr. Waltraud Stromer, Fachärztin für Anästhesiologie und allgemeine Intensivmedizin sowie Vizepräsidentin der Österreichischen Schmerzgesellschaft. Und sie haben ein sechsfach erhöhtes Risiko chronisch zu werden.
Warum Frauen Schmerzen stärker wahrnehmen: Hormone, Nerven, Immunsystem
Schmerz ist immer individuell. Trotzdem zeigen Studien seit Jahren: Zwischen Frauen und Männern gibt es Unterschiede in Schmerzschwelle, Schmerzverarbeitung und Therapieansprechen.
Stromer verweist darauf, dass viele Untersuchungen zeigen, dass die Schmerzschwelle bei Frauen geringer und ihr Schmerzempfinden stärker ist als bei Männern. Dafür gibt es mehrere Gründe:
- Das Nervensystem: Frauen haben eine verringerte absteigende Schmerzhemmung – also ein weniger starkes körpereigenes Bremssystem. Normalerweise sendet das Gehirn Signale aus, die Schmerzreize dämpfen. Ist diese Bremse schwächer, werden Schmerzen intensiver wahrgenommen.
- Auch das Immunsystem spielt eine Rolle: Frauen zeigen stärkere entzündliche Reaktionen, was Schmerzen verstärken und das Risiko für Chronifizierung erhöhen kann.
- Last but not least: Hormonelle Einflüsse sind entscheidend. Testosteron wirkt eher schmerzhemmend. Östrogen beeinflusst Schmerz komplex – abhängig von Lebensphase und Hormonspiegel: Bei hohen Spiegeln werden mehr körpereigene schmerzlindernde Substanzen Sinkt der Östrogenspiegel, kann Schmerz intensiver wahrgenommen werden
Östrogen und Schmerz: Was in den Wechseljahren im Körper passiert
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Und damit sind wir bereits am Punkt: In den Wechseljahren verändert sich der Hormonhaushalt grundlegend. Der sinkende Östrogen- und Progesteronspiegel betrifft nicht nur Zyklus oder Temperaturregulation, sondern auch Muskeln, Gelenke, Bindegewebe, Schlaf und Entzündungsprozesse. Eine große Übersichtsarbeit zeigt: Hormonelle Veränderungen sind eng mit Schmerzempfinden und Lebensqualität verknüpft. Der Rückgang von Östrogen kann die Schmerzempfindlichkeit erhöhen und Muskel-, Gelenk- und Rückenschmerzen begünstigen. Auch Migräne, Kopfschmerzen und Schmerzen im Genitalbereich treten häufiger auf.
Zudem mehren sich Hinweise auf sogenannte niedriggradige Entzündungsprozesse (silent inflammation) in den Wechseljahren. Diese können erklären, warum viele Frauen ein diffuses, den ganzen Körper betreffendes Schmerzgefühl entwickeln. Viele Betroffene beschreiben die Beschwerden als grippeähnlich: alles tut weh, der Körper ist steif, jede Bewegung mühsam. Dahinter steht unter anderem, dass Östrogen an Durchblutung, Flüssigkeitshaushalt und Gewebeelastizität beteiligt ist. Fehlt es, reagieren Muskeln schneller verspannt und Gelenke empfindlicher.
Ein weiterer zentraler Verstärker ist auch der Schlaf: Schlafstörungen – häufig in den Wechseljahren – senken nachweislich die Schmerzschwelle. So entsteht ein Kreislauf: Schmerzen stören den Schlaf, schlechter Schlaf verstärkt Schmerz und Erschöpfung wiederum.
Schmerzmittel in den Wechseljahren: Warum Dosierung und Wirkung abweichen
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Geschlechtersensible Schmerzmedizin bedeutet auch anzuerkennen, dass Medikamente, die Abhilfe schaffen sollten, nicht bei allen gleich wirken. Frauen und Männer unterscheiden sich unter anderem in Muskelmasse, Fettanteil, Wasseranteil und Stoffwechsel. Das beeinflusst, wie Schmerzmittel aufgenommen, verteilt und abgebaut werden.
Stromer nennt ein Beispiel: Lipophile Medikamente wie Opioide bleiben bei Frauen länger im Fettgewebe, werden langsamer freigesetzt und können dadurch verspätet und länger wirken. Dieselbe Dosierung kann bei Frauen aufgrund einer rascheren Metabolisierung eine stärkere Wirkung entfalten. Das muss einfach berücksichtigt werden.
Auch bei Paracetamol (ein weit verbreitetes Schmerz- und Fiebermittel) gibt es Unterschiede: Bei Frauen, besonders im höheren Alter, kann die Verstoffwechselung reduziert sein. Wird das nicht berücksichtigt, steigt das Risiko für unerwünschte Effekte.
Hinzu kommt: Bei 8 von 10 neu eingesetzten Medikamenten treten Nebenwirkungen häufiger bei Frauen auf, betont Stromer. Ihr Fazit: Wir stehen noch ganz am Anfang, aber der Weg aus der Unisex-Medizin ist vorgegeben.
Gender Pain Gap: Wenn Frauenschmerz nicht ernst genommen wird
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Auch im Umgang mit dem Schmerz zeigen sich Unterschiede: Frauen suchen rascher professionelle Hilfe, der Mann neigt eher zu Selbstbehandlung, so Stromer. Umso paradoxer ist es, dass ihre Beschwerden im Gesundheitssystem oft weniger ernst genommen werden.
Neben biologischen Faktoren gibt es ein strukturelles Problem: den sogenannten Gender Pain Gap – geschlechtsspezifische Unterschiede in Diagnostik und Therapie.
- Studien zeigen, dass Schmerzen von Frauen bei gleicher Darstellung als weniger stark eingeschätzt werden als bei Männern. In Experimenten wurden Schmerzäußerungen von Frauen weniger intensiv bewertet. Gleichzeitig wurde ihnen häufiger eine psychologische Ursache zugeschrieben, während Männer eher medikamentös behandelt wurden.
- Eine Analyse von mehr als 21.000 Patient:innenakten zeigt zudem: Frauen erhalten seltener Schmerzmedikation, und ihre Schmerzwerte werden weniger konsequent dokumentiert. Gleichzeitig müssen sie oft länger auf eine Diagnose warten. Hinter diesen Unterschieden stehen tief verankerte Stereotype: Frauen gelten als empfindlicher, Männer als stoischer. Solche Zuschreibungen führen dazu, dass Schmerzen von Frauen häufiger unterschätzt oder psychologisiert werden – mit realen Folgen für die Versorgung, warnt Stromer.
Was hilft wirklich? Deine Optionen bei Wechseljahres-Schmerzen
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Schmerzen in den Wechseljahren sind real – aber sie sollten nicht als unvermeidlich hingenommen werden. Wichtig ist, Veränderungen bewusst wahrzunehmen: Wann treten Schmerzen auf? Gibt es Morgensteifigkeit, Schwellungen, Schlafprobleme oder Erschöpfung? Eine medizinische Abklärung ist besonders wichtig, wenn Beschwerden neu auftreten, zunehmen oder die Lebensqualität deutlich einschränken. Je nach Ursache können Bewegung, gezieltes Krafttraining, Physiotherapie, ausreichend Schlaf, Stressreduktion, entzündungshemmende Ernährung oder psychologische Schmerzstrategien helfen. Auch eine individuell geprüfte Hormonersatztherapie kann eine Option sein. Die wichtigste Botschaft: Schmerzen müssen nicht ausgehalten werden. Und sie verdienen eine ernsthafte medizinische Antwort.
Das Wichtigste in Kürze
Warum empfinden Frauen Schmerzen anders als Männer?
Frauen haben eine geringere Schmerzschwelle und ein weniger starkes körpereigenes Bremssystem gegen Schmerz. Auch Hormone und das weibliche Immunsystem spielen eine Rolle. Dadurch werden Schmerzen oft intensiver wahrgenommen und verfestigen sich häufiger.
Warum nehmen Schmerzen in den Wechseljahren zu?
Sinkende Östrogen- und Progesteronspiegel beeinflussen Muskeln, Gelenke, Schlaf und Entzündungsprozesse. Die Folge: Schmerzen können stärker auftreten, sich wie grippeähnlich anfühlen und durch Schlafmangel zusätzlich verstärkt werden.
Was ist der Gender Pain Gap?
Er beschreibt Unterschiede in der Schmerzbehandlung von Frauen und Männern. Studien zeigen, dass Schmerzen von Frauen oft geringer eingeschätzt, seltener dokumentiert und häufiger psychologisiert werden. Das kann dazu führen, dass Diagnosen später gestellt und Therapien weniger gezielt eingesetzt werden.
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