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Der BMI ist überholt: Was das für Frauen in den Wechseljahren bedeutet

Eine für ihre Forschung ausgezeichnete Internistin zeigt: Der BMI erkennt Stoffwechselrisiken oft nicht. Für Frauen in den Wechseljahren hat das weitreichende Folgen.

Es ist ein Moment auf der Bühne des Internistenkongresses in Wiesbaden, der mehr ist als eine Preisverleihung. Als Rima Chakaroun den Theodor-Frerichs-Preis 2026 erhält, gerät eine der stabilsten Gewissheiten der Medizin ins Wanken: der Body-Mass-Index (BMI). Seit Jahrzehnten entscheidet er darüber, ob ein Körper als gesund gilt oder nicht. Jetzt zeigt die ausgezeichnete Forschung: Diese Zahl erzählt nur einen Teil der Geschichte – und für manche Menschen den falschen.

Zwei Körper, ein BMI – völlig unterschiedliche Risiken

Die Ausgangsfrage von Chakarouns Arbeit ist so einfach wie folgenreich: Warum entwickeln manche Menschen schwere Stoffwechselerkrankungen, obwohl ihr Gewicht unauffällig ist – während andere trotz Übergewicht vergleichsweise gesund bleiben? Der BMI kann darauf keine Antwort geben. Er reduziert den Körper auf eine Formel und blendet aus, was biologisch entscheidend ist: die Verteilung von Fett und die Reaktion des Stoffwechsels darauf. Denn nicht jedes Fett ist gleich. Vor allem das sogenannte viszerale Fett im Bauchraum wirkt fast wie ein eigenes Organ. Es produziert Botenstoffe, fördert Entzündungen und erhöht das Risiko für Erkrankungen deutlich – ganz unabhängig davon, was die Waage anzeigt. Was äußerlich ähnlich aussieht, kann innerlich völlig unterschiedlich funktionieren.

Fett ist nicht gleich Fett: Der neue metabolische BMI

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Für ihre in Nature Medicine veröffentlichte Studie analysierte Chakaroun mit ihrem Team Daten von fast 1.900 Menschen. Untersucht wurden nicht nur klassische Risikofaktoren, sondern ein ganzes Netzwerk biologischer Signale: Stoffwechselprodukte im Blut, genetische Einflüsse, die Zusammensetzung des Darmmikrobioms und sogar CT-basierte Analysen der Fettverteilung. Aus dieser Datenfülle entstand ein neuer Wert: der metabolische BMI, kurz metBMI. Er basiert auf 66 ausgewählten Metaboliten – kleinen Molekülen im Blut, die anzeigen, wie der Stoffwechsel tatsächlich arbeitet.

Was der metabolische BMI sichtbar macht – und der klassische nicht

Der entscheidende Unterschied: Der metBMI misst nicht, wie viel ein Mensch wiegt, sondern wie sein Körper funktioniert. Und genau dort beginnt das Risiko oft viel früher, als bisher angenommen. Die Ergebnisse sind eindeutig. Menschen mit einem erhöhten metBMI zeigen deutlich häufiger metabolische Störungen – selbst dann, wenn ihr klassischer BMI unauffällig ist. Schätzungen zufolge betrifft das 10 bis 20 Prozent der Normalgewichtigen. Das bedeutet: Eine relevante Gruppe gilt als gesund, obwohl sich im Körper bereits Prozesse entwickeln, die langfristig zu Erkrankungen führen können – etwa Insulinresistenz, Fettleber oder Typ-2-Diabetes. Die Waage bleibt ruhig. Der Stoffwechsel nicht.

Die Wechseljahre sind auch ein Stoffwechselereignis

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Für Frauen in den Wechseljahren bekommt diese Erkenntnis eine besondere Bedeutung. Denn viele erleben genau dieses Auseinanderdriften zwischen äußerer Stabilität und innerer Veränderung. Viele berichten, dass sich Fett stärker am Bauch ablagert, dass die Energie nachlässt oder dass der Stoffwechsel „langsamer“ wird. Was lange schwer greifbar war, lässt sich heute besser einordnen: Es handelt sich um tiefgreifende metabolische Veränderungen. Mit dem Absinken des Östrogens verändert sich die innere Balance des Körpers grundlegend. Fett wird anders verteilt, die Insulinwirkung verändert sich, entzündliche Prozesse nehmen zu. Diese Entwicklungen verlaufen schleichend – und bleiben lange unsichtbar. Genau darin liegt das Problem. Denn der BMI reagiert auf diese Veränderungen kaum. Er bleibt oft im Normbereich, während sich im Inneren bereits Risikoprofile verschieben.

Der metabolische BMI kann viele dieser Prozesse sichtbar machen und zwar indem er ihre biochemischen Spuren erfasst:

  • veränderte Fettstoffwechselmuster im Blut
  • frühe Anzeichen von Insulinresistenz
  • entzündliche Prozesse
  • Einflüsse des Darmmikrobioms

Darm, Stoffwechsel – und warum Ernährung eine größere Rolle spielt als die Gene

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Ein besonders aufschlussreicher Teil von Chakarouns Forschung betrifft das Zusammenspiel zwischen Darm und Stoffwechsel. Menschen mit erhöhtem metBMI weisen eine deutlich geringere Vielfalt an Darmbakterien auf, gleichzeitig zeigen sich funktionelle Veränderungen im Mikrobiom. Viele der gemessenen Blutmarker werden direkt von Darmbakterien beeinflusst. Der metabolische BMI wird damit auch zu einem Spiegel dieser Darm-Stoffwechsel-Achse. Auffällig ist zudem: Genetische Faktoren spielen eine geringere Rolle als erwartet. Viel stärker wirken Lebensstil und Umwelt – insbesondere die Ernährung. Und hier zeigt sich ein Unterschied zwischen den Geschlechtern: Bei Frauen scheint die Ernährung einen noch größeren Einfluss auf den Stoffwechsel zu haben. Das macht den metBMI nicht nur zu einem Diagnoseinstrument, sondern auch zu einem potenziellen Werkzeug für Prävention.

BMI: Der blinde Fleck im Gesundheitssystem

Doch während die Forschung längst differenzierter auf den Körper blickt, arbeitet das Gesundheitssystem weiterhin mit alten Maßstäben. Ein Beispiel aus Österreich zeigt, wie stark der BMI noch immer bestimmt. Im Programm „Selbständig Gesund“ der Sozialversicherung der Selbständigen gilt das Körpergewicht als zentrales Gesundheitsziel. Wer einen BMI über 25 hat, soll Gewicht reduzieren, um finanzielle Vorteile wie einen reduzierten Selbstbehalt zu bekommen. Was dabei nicht berücksichtigt wird: der tatsächliche Stoffwechselzustand. Das führt zu einer paradoxen Situation. Menschen mit erhöhtem Risiko, aber unauffälligem BMI, fallen durchs Raster. Sie gelten als gesund – und bekommen keine Unterstützung. Gerade für Frauen in den Wechseljahren verstärkt sich dieser blinde Fleck. Denn genau in dieser Phase verschiebt sich der Stoffwechsel oft, ohne dass sich das Gewicht deutlich verändert. Der BMI bleibt stabil, Programme greifen nicht, Risiken bleiben unerkannt. Oder anders gesagt: Die Forschung zeigt, was im Körper passiert. Das System reagiert auf das, was sichtbar ist.

Eine neue Art, Gesundheit zu messen

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Noch ist der metabolische BMI kein Standard in der Praxis. Die Analysen sind aufwendig, die Modelle komplex. Doch die Richtung ist klar: Gesundheit wird künftig weniger über äußere Maße definiert – und stärker über die Prozesse im Inneren. Für Frauen in den Wechseljahren könnte das eine entscheidende Veränderung sein. Weil es erklärt, was lange schwer greifbar war. Und weil es eine leise, aber wichtige Verschiebung ermöglicht: Weg von der Frage, was die Waage zeigt. Hin zu der Frage, was im Körper wirklich passiert.

Auf einen Blick:

Warum reicht der BMI nicht mehr aus?
Weil er nur Gewicht und Größe misst – nicht aber, wie der Stoffwechsel tatsächlich funktioniert. Zwei Menschen mit gleichem BMI können ein völlig unterschiedliches Risiko für Krankheiten haben.

Was macht der metabolische BMI anders?
Er analysiert Blutwerte und Stoffwechselprozesse im Körper. So erkennt er frühzeitig Risiken wie Insulinresistenz oder Entzündungen – auch bei Menschen mit Normalgewicht.

Warum ist das gerade in den Wechseljahren wichtig?
Weil sich der Stoffwechsel hormonell verändert, oft ohne große Gewichtszunahme. Der BMI bleibt unauffällig – während Risiken im Körper bereits steigen.

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