Hast du das Gefühl, plötzlich ständig entzündet zu sein? Dich quälen Schmerzen, Schwellungen, Erschöpfung und Brain Fog (Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme)? Viele Frauen beschreiben in den Wechseljahren genau dieses diffuse Gefühl: Der Körper scheint zu brennen. Grund dafür können sogenannte stille Entzündungen (Silent Inflammation) sein. Dabei handelt es sich um keine akute Entzündung, die du sofort merkst, etwa mit Fieber oder starken Schmerzen, sondern eher ein stilles, schwelendes Geschehen im Körper, das über viele Jahre hinweg unbemerkt abläuft. Und das nicht ohne Folgen.
Der Gynäkologe und Präsident der Österreichischen Menopause-Gesellschaft, Dr. Markus Metka, gibt im Interview mit Wechselweise Antworten darauf, warum sich dein Körper plötzlich gereizter, trockener, erschöpfter und irgendwie entzündet anfühlen kann – und woran du merkst, dass du genauer hinschauen solltest.
Was steckt hinter dem Gefühl, ständig entzündet zu sein?
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Die kleinen Fingergelenke schmerzen, die Augen fühlen sich trocken an, die Haut spannt. Du schläfst schlecht, bist dünnhäutiger als früher und im Kopf ist öfter Nebel als Klarheit. Dazu dieses Gefühl: Irgendetwas stimmt nicht mit mir.
Viele Frauen berichten genau das in den Wechseljahren. Und nein: Du bildest dir das nicht ein. Der Östrogenabfall verändert im Körper sehr viel. Nicht nur den Zyklus oder die Schleimhäute, sondern auch Prozesse, die mit Entzündung, Stress, Schlaf und Stoffwechsel zu tun haben. Das kann dazu führen, dass deine Beschwerden plötzlich stärker spürbar werden – auch dann, wenn sie sich gar nicht klar einordnen lassen.
Warum Wechseljahre stille Entzündungen verstärken können
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Vereinfacht gesagt: Östrogen wirkt nicht nur beruhigend und ausgleichend, sondern auch entzündungshemmend und schmerzlindernd. Östrogen ist eine der potentesten antientzündlichen Substanzen im Körper, betont Dr. Metka. Sinkt der Hormonspiegel in den Wechseljahren ab, lodert die stille Entzündung regelrecht auf.
Das erklärt, warum viele Beschwerden in dieser Lebensphase plötzlich verstärkt auftreten:
- Hitzewallungen
- Brain Fog und Konzentrationsschwierigkeiten
- Gelenkschmerzen (besonders der kleinen Fingergelenke)
- Trockene Augen und Schleimhäute
- Hautveränderungen
- Erschöpfung und depressive Verstimmungen
- Durchschlafstörungen
Viele dieser Symptome lassen sich auch durch Entzündungsprozesse erklären. Die gute Nachricht: Sie sind nicht einfach normal oder müssen hingenommen werden. Es gibt wirksame Gegenstrategien.
Diese Warnzeichen solltest du ernst nehmen
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Nicht jedes Ziehen, jede schlechte Nacht und jeder Nebel im Kopf ist gleich eine Krankheit. Aber du musst auch nicht alles hinnehmen, nur weil du in den Wechseljahren bist. Es gibt Symptome, die du nicht einfach als typische Wechseljahresbeschwerden abtun und damit auf die Hormone abschieben solltest:
- Anhaltende Gelenkschmerzen, besonders wenn mehrere Gelenke betroffen sind
- Starke Erschöpfung, die auch nach ausreichend Schlaf nicht besser wird
- Deutliche Gewichtszunahme, besonders am Bauch
- Depressive Verstimmungen, die deine Lebensqualität erheblich einschränken
- Ausgeprägte Schlafstörungen über Wochen hinweg
- Du spürst klar: Das fühlt sich nicht mehr nach normalen Wechseljahresbeschwerden an
Stille Entzündungen sind die Grundlage für viele Zivilisationskrankheiten, erklärt Dr. Metka. Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer – sie alle haben eine gemeinsame Wurzel: Chronische Entzündungsprozesse über Jahre hinweg.
Wie lassen sich Entzündungsprozesse im Körper nachweisen?
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Bei Verdacht auf erhöhte Entzündungswerte, empfiehlt der Experte folgende Laboruntersuchungen:
- Hochsensitives CRP (C-reaktives Protein) – der klassische Entzündungsmarker
- Fettstoffwechsel: Verhältnis Omega-3 zu Omega-6-Fettsäuren
- Triglyceride zu HDL-Cholesterin: zeigt das kardiovaskuläre Risiko
- Nüchtern-Insulin und HOMA-Index: Hinweise auf Insulinresistenz
- Hormonstatus: besonders wichtig, um das Gesamtbild zu erfassen
Das Tückische ist: Man kann völlig beschwerdefrei sein, und trotzdem entwickelt sich im Stillen eine Osteoporose oder Arteriosklerose, warnt Dr. Metka.
Kann eine Hormontherapie bei Silent Inflammation helfen?
Wenn deine Beschwerden vor allem mit dem Hormonabfall zusammenhängen, kann eine passende Behandlung spürbar entlasten. Dazu gehört für manche Frauen auch eine bioidente Hormontherapie in den Wechseljahren, wenn sie medizinisch sinnvoll ist. Die richtige Hormonsubstitution ist ein großartiges Tool, um diese Entzündungen zu hemmen, betont Dr. Metka. Östrogen wirkt direkt antientzündlich und kann viele der beschriebenen Beschwerden lindern.
Auch pflanzliche Östrogene (Phytoöstrogene) haben eine entzündungshemmende Wirkung – wenn auch nicht so stark wie körpereigenes oder substituiertes bioidentes Östrogen, erklärt der Mediziner.
Natürliche Gegenstrategien bei stillen Entzündungen
Du kannst auch in deinem Alltag aktiv gegen stille Entzündungen vorgehen. Die antientzündliche Lebensweise besteht dabei aus vier Säulen:
1. Ernährung - die wichtigste Säule
Entzündungshemmend wirken:
- Mediterrane oder traditionelle asiatische Ernährung
- Viel Gemüse (z.B. Brokkoli, Karfiol/Blumenkohl, Rote Rüben)
- Hochwertige Fette wie Olivenöl
- Fermentierte Lebensmittel (z.B. Joghurt, Sauerkraut)
- Omega-3-reiche Lebensmittel (z.B. Lachs, Walnüsse)
- Gewürze und Kräuter (besonders Kurkuma, Zimt, Gewürznelken, Kreuzkümmel, Knoblauch)
- Ballaststoffreiche Lebensmittel für die Darmgesundheit
Entzündungen fördern:
- Hochverarbeitete Lebensmittel
- Einfacher Zucker und Fructose (keine Obst-Smoothies!)
- Zu viel rotes Fleisch
- Gehärtete Fette und Palmöl
- Sonnenblumenöl (Omega-6 wirkt proinflammatorisch)
2. Bewegung – der natürliche Entzündungshemmer
Man sagt, das Sitzen ist das neue Rauchen, so Dr. Metka. Toxische Unbeweglichkeit fördert Entzündungsprozesse.
Die Empfehlung:
- Täglich mindestens 6000 Schritte zügig gehen
- Ein- bis zweimal pro Woche eine halbe Stunde Krafttraining
- Regelmäßiges Waldbaden
3. Umwelt
Vermeide Entzündungsförderer wie
- Nikotin
- Übermäßigen Alkoholkonsum
- Umweltgifte, wo möglich
4. Lifestyle und Psyche
Es gibt nichts Entzündlicheres als Isolation, warnt Markus Metka. Die meisten Menschen, die sehr alt werden, leben in sozialen Verbänden.
Wichtig sind:
- Stressmanagement (Stress ist Killer Nummer eins)
- Ausreichend Schlaf (elektronische Geräte ab 21 Uhr ausschalten)
- Soziale Kontakte pflegen
- Regelmäßige Auszeiten
Praktische Tipps für den Alltag
Morgens:
- 10 Minuten barfuß auf natürlichem Boden gehen (Grounding)
- Starte den Tag mit zwei Eiern – etwa mit Oregano
- Protein aktiviert die Ausschüttung von GLP-1 – ein körpereigenes Hormon, das im Darm produziert wird, den Blutzucker reguliert und das Sättigungsgefühl steigert
Mittags:
- Gemüse, Gemüse, Gemüse
- Wenn Fleisch, dann von Tieren mit zwei Beinen oder keinem Bein – also Geflügel oder Fisch
- Großzügig mit Kräutern und Gewürzen versehen
- Kohlenhydrate wie Nudeln eher mittags statt abends
Zwischendurch:
- Bittertropfen oder Bitterspray vor dem Essen (aktiviert sofort GLP-1)
- Nüsse (zwei Walnüsse am Tag senken das Herzinfarktrisiko)
- Keine gesüßten Getränke
Abends:
- Leichte Mahlzeiten, weniger Kohlenhydrate
Die wichtigste Botschaft
Hast du das Gefühl, irgendetwas stimmt nicht, du aber immer nur hörst, das sei eben normal in den Wechseljahren – dann lass dich nicht abspeisen. Stille Entzündungen sind real, messbar und beeinflussbar. Du darfst nachfragen, du darfst eine Erklärung wollen. Du darfst auch sagen: Ich fühle mich nicht gut, und ich möchte verstehen, warum.
Die gute Nachricht: Du hast es zu einem großen Teil selbst in der Hand. Mit einer antientzündlichen Lebensweise kannst du aktiv gegensteuern.
Literaturtipp: Dr. Markus Metka: Der Körper brennt (Braumüller Verlag)
Das Wichtigste in Kürze
Was ist Silent Inflammation genau?
Damit ist meist eine stille Entzündung gemeint, also ein schwelendes Entzündungsgeschehen im Körper ohne klare akute Symptome.
Warum ist Silent Inflammation in den Wechseljahren plötzlich ein Thema?
Weil der Hormonabfall, vor allem sinkendes Östrogen, den Körper empfindlicher machen kann – etwa bei Schlaf, Stress, Stoffwechsel, Trockenheit und Schmerzen.
Was hilft bei stillen Entzündungen?
Beschwerden ernst nehmen, nicht alles bagatellisieren, medizinisch sauber abklären und den Alltag so gestalten, dass dein Körper weniger unter Dauerstress steht. Achte auf deine Ernährung, auf Bewegung und deinen Lifestyle.
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