Kennst du das? Morgens beim Aufwachen spürst du es zuerst: Deine Finger sind steif, die Knie tun weh, und auch die Schultern machen sich unangenehm bemerkbar. Das sind halt die Wechseljahre", denkst du dir vielleicht. Oder: Ich werde eben älter." Doch was, wenn mehr dahintersteckt? Was, wenn es nicht nur die hormonelle Umstellung ist, sondern eine rheumatische Erkrankung?
Die Wahrheit ist: Diese Unterscheidung ist selbst für Ärzt:innen eine der schwierigsten Fragen in der Medizin. Denn anders als bei Bluthochdruck oder Diabetes gibt es keine einfache Antwort auf die Frage: Habe ich Rheuma?" Erschwerend kommt hinzu, dass einige rheumatologische Erkrankungen genau um die Menopause herum auftreten – der zeitliche Zusammenhang allein sagt also wenig aus, erklärt Priv.Doz. Dr. Irina Gessl, Rheumatologin an der Wiener Universitätsklinik für Innere Medizin III und Podcasterin der Österreichischen Gesellschaft für Rheumatologie, im Gespräch mit Wechselweise.
Warum treffen sich Rheuma und Wechseljahre so oft?
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Östrogen ist nicht nur ein Fruchtbarkeitshormon – es ist viel mehr. Bekannt ist, dass Östrogenrezeptoren auf fast allen Immunzellen, Muskelzellen, Nervenzellen und Knochenzellen vorhanden sind. Wenn der Östrogenspiegel in den Wechseljahren abfällt, verändert sich dein gesamtes Immunsystem.
Wobei: Dein Immunsystem wird nicht einfach stärker" oder schwächer" – es verschiebt sich. Manche Autoimmunerkrankungen werden in der Menopause häufiger oder heftiger oder treten überhaupt erst neu auf, andere wiederum bessern sich.
Ein typisches Beispiel ist die Rheumatoide Arthritis, die klassischerweise um das 50. Lebensjahr herum auftritt. Der Östrogenmangel ist hier ein echter Risikofaktor. Anders verhält es sich beim systemischen Lupus erythematodes (SLE), der in der Postmenopause oft milder wird.
Doch nicht nur das Immunsystem ist betroffen: Der Hormonabfall beeinflusst direkt deine Schmerzwahrnehmung. Östrogen wirkt wie ein natürliches Schmerzmittel – wenn es weniger wird, wirst du schmerzempfindlicher. Gleichzeitig leiden Knochen, Sehnen und Muskeln unter dem Hormonverlust. Das nennt man auch das Muskuloskelettale Syndrom der Menopause – ein Begriff, den Wissenschafter:innen in einer Studie aus dem Jahr 2024 neu eingeführt haben, um auf die Rolle des sinkenden Östrogenspiegels im Zusammenhang mit Beschwerden des Bewegungsapparates aufmerksam zu machen.
Woran erkennst du, ob es Rheuma sein könnte?
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Hier kommt das wichtigste Warnsignal: Gelenkschwellungen. Nicht die harte Schwellung, die du vielleicht von einer Arthrose kennst, sondern eine weiche, tastbare Schwellung. Das deutet auf eine Arthritis hin – also eine echte Gelenksentzündung, erklärt Dr. Gessl.
Wenn du so eine Schwellung bemerkst, solltest du dich umgehend bei einem Rheumatologen oder einer Rheumatologin vorstellen. Denn hier zählt jede Woche. Bereits sechs Wochen nach Beginn einer unbehandelten Arthritis können erste Knochenschäden, sogenannte Erosionen, entstehen – und die sind nicht mehr rückgängig zu machen.
Warnsignale:
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- Gelenkschwellungen
- Starke Schmerzen in den Gelenken – häufig morgens und schlimmer in Ruhe
- Morgensteifigkeit, die länger als 30 Minuten anhält
- Müdigkeit und Erschöpfung, die über das normale Maß hinausgehen
- Erhöhte Entzündungswerte im Blut
- Hautveränderungen wie Schuppenflechte oder Ausschläge
Wichtig zu wissen: Müdigkeit allein ist zwar unspezifisch, aber sie gehört bei vielen rheumatischen Erkrankungen mit dazu.
Wie wird die Diagnose gestellt?
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Es gibt nicht die eine Checkliste, die sicher sagt: Das ist Rheuma" oder Das sind nur Wechseljahresbeschwerden." Die Diagnose ist ein Puzzle aus vielen Teilen. Dein Arzt oder deine Ärztin wird zunächst eine ausführliche Anamnese machen:
- Wann haben die Beschwerden begonnen?
- Wie schnell sind sie aufgetreten?
- Welche Gelenke sind betroffen?
Das Gelenksmuster ist ein wichtiger Hinweis, denn unterschiedliche rheumatologische Erkrankungen befallen unterschiedliche Gelenke. Dann folgt die körperliche Untersuchung: Haut, Nägel, Gelenke – alles wird genau angeschaut.
Danach kommt die Blutabnahme. Hier werden Entzündungswerte, Blutbild, Leber- und Nierenwerte sowie spezifische Antikörper untersucht. Die Antikörper werden gezielt nach Verdachtsdiagnose ausgewählt. Aber Achtung: Kein Antikörper ist zu 100 Prozent aussagekräftig. Es braucht immer das Gesamtbild aus Anamnese, Untersuchung und Labor.
Ergänzend können Ultraschall, Röntgen oder MRT zum Einsatz kommen, um Entzündungen oder Schäden in den Gelenken sichtbar zu machen.
Kann Hormonersatztherapie bei Gelenkschmerzen helfen?
Ja, durchaus! Wenn die Gelenkschmerzen auf den Östrogenmangel zurückzuführen sind, kann eine Hormonersatztherapie Linderung bringen. Sogar bei manchen Frauen mit bereits diagnostizierter Rheumatoider Arthritis berichteten in einer Studie etwa 30 Prozent, dass sich ihre Beschwerden unter Hormonersatztherapie verbessern.
Allerdings: Bevor du eine Hormonersatztherapie startest, sollte unbedingt abgeklärt werden, ob nicht doch eine rheumatische Erkrankung dahintersteckt. Denn bei manchen Rheuma-Formen – etwa beim Lupus im aktiven Schub – kann Östrogen problematisch sein, da es das Thromboserisiko erhöht.
Wenn du jedoch nur" Wechseljahresbeschwerden hast und keine Warnzeichen für Rheuma vorliegen, kannst du mit deiner Hausärzt:in oder Gynäkolog:in über einen Therapieversuch sprechen. Nach etwa drei Monaten sollte evaluiert werden, ob sich die Beschwerden gebessert haben. Wenn nicht, ist es Zeit, noch einmal genauer hinzuschauen.
Warum ist eine frühe Diagnose so wichtig?
Zeit ist bei rheumatischen Erkrankungen ein entscheidender Faktor. Unbehandelte Entzündungen führen zu irreversiblen Gelenkschäden. Diese Schäden schränken nicht nur deine Beweglichkeit ein, sondern verursachen auch chronische Schmerzen – selbst wenn die Entzündung längst abgeklungen ist.
Die gute Nachricht: Es gibt heute Medikamente, die Rheuma gut kontrollieren können. Das Ziel ist, dass du deine Erkrankung im Alltag nicht mehr bemerkst – außer, dass du regelmäßig Medikamente einnimmst und zu Kontrolluntersuchungen gehst.
Was kannst du selbst tun?
Auch wenn eine rheumatische Erkrankung teilweise genetisch bedingt ist, kannst du einiges für deine Gesundheit tun:
- Nicht rauchen: Rauchen ist ein großer Risikofaktor für viele rheumatologische Erkrankungen.
- Psychohygiene: Depressionen und psychische Traumata sind mit manchen Rheuma-Formen assoziiert.
- Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene, mediterrane Ernährung kann entzündungshemmend wirken.
- Bewegung: Regelmäßige, moderate Bewegung hält deine Gelenke geschmeidig. Bei manchen Erkrankungen wie der axialen Spondylarthritis (früher Morbus Bechterew) steht sogar in den Leitlinien, dass du regelmäßig Übungen machen solltest. Auch Krafttraining ist wichtig – nicht nur für deine Muskeln, sondern auch für deine Knochen.
Aber: Bei akuten Entzündungsschüben solltest du es mit der Bewegung nicht übertreiben. Höre auf deinen Körper und arbeite am besten mit Physiotherapeut:innen zusammen, die dir die richtigen Übungen zeigen.
Was Ärzt:innen wissen sollten – und oft nicht wissen
Viele Ärzt:innen – auch Rheumatolog:innen und Gynäkolog:innen – wissen noch viel zu wenig über die Zusammenhänge zwischen Menopause und Rheuma. Das Thema Wechseljahre ist in der medizinischen Ausbildung nach wie vor ein Stiefkind.
In einer Studie aus Großbritannien mit mehr als 700 Frauen mit Rheumatoider Arthritis gaben 95 Prozent an, dass sie gerne über ihre Menopause-Beschwerden sprechen würden. Aber nur 6,8 Prozent haben es tatsächlich getan. Und 84,6 Prozent wünschten sich, dass ihre Rheumatologen mehr über die Menopause wissen.
Das Problem: Viele Frauen trauen sich nicht, ihre Beschwerden anzusprechen – aus Angst, als Jammerlappen abgestempelt zu werden oder dass ihre Symptome als normal" abgetan werden.
Deshalb: Sei deine eigene Anwältin. Wenn dein Arzt oder deine Ärztin deine Beschwerden nicht ernst nimmt, such dir jemanden, der es tut. Informiere dich, sprich mit Freundinnen und Verwandten über deine Erfahrungen. Du musst nicht leiden – weder unter Wechseljahresbeschwerden noch unter Rheuma.
Wo findest du Hilfe?
Wenn du unsicher bist, ob deine Beschwerden abgeklärt werden sollten, ist deine Hausärzt:in die erste Anlaufstelle. Sie oder er kann eine Blutabnahme veranlassen, ein Röntgen durchführen oder dich bei Bedarf zu Spezialist:innen überweisen.
Wenn Gelenkschwellungen vorliegen oder starke Schmerzen bestehen, solltest du dich direkt an eine rheumatologische Praxis wenden. Bei gleichzeitigen klassischen Menopause-Beschwerden wie Hitzewallungen kann auch der Weg zur Gynäkolog:in sinnvoll sein.
In jedem Fall gilt: Warte nicht zu lange. Je früher eine Diagnose gestellt wird, desto besser sind die Behandlungsmöglichkeiten.
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