Gendermedizin und Wechseljahre: Der Einfluss von Geschlecht und Hormonen
Frauen werden anders krank, empfinden Schmerzen anders und reagieren teils anders auf Therapien. Was bedeutet Gendermedizin besonders in den Wechseljahren?
In der Medizin wurden Frauen lange wie kleinere, leichtere Männer behandelt. Das ist zum Glück nicht mehr so. Trotzdem wurden und werden die Unterschiede zwischen den Geschlechtern immer noch zu wenig berücksichtigt. Gendermedizinerin und Schmerzexpertin Oberärztin Dr. Waltraud Stromer erklärt, wo die Gendermedizin heute steht, warum die Wechseljahre dabei eine besondere Rolle spielen und was sich in der medizinischen Versorgung von Frauen ändern muss.
Frauengesundheit und Gendermedizin bekommen endlich mehr Aufmerksamkeit – wird jetzt alles gut?
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Dr. Waltraud Stromer: Das ist eine sehr wichtige Entwicklung. Gendermedizin wird mittlerweile auch an den Universitäten unterrichtet. Junge Ärztinnen und Ärzte lernen, dass es bei Erkrankungen Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt. Das betrifft nicht nur den Schmerz, sondern beispielsweise auch Physiologie und Pathophysiologie, die Entwicklung der Organe, psychische Faktoren oder den Umgang mit Erkrankungen. Der Anfang ist gemacht, aber in den nächsten Jahren wird sich hier noch sehr viel tun.
Wo steht die Gendermedizin heute im Vergleich zu vor zehn Jahren?
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Wir wissen inzwischen deutlich mehr darüber, welchen Einfluss das Geschlecht und die Hormone auf bestimmte Erkrankungen haben. Wir wissen auch, dass Medikamente bei Frauen und Männern unterschiedlich wirken können und Therapieformen unterschiedlich angenommen werden oder unterschiedlich erfolgreich sein können. Gleichzeitig wissen wir heute mehr über Vorurteile in der Medizin, die Patientinnen zum Nachteil gereichen können.
Wo zeigt sich dieser Gender Bias besonders deutlich?
Ein Problem ist, dass psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen bei Frauen häufiger auftreten. Das kann dazu führen, dass körperliche Beschwerden vorschnell der Psyche zugeschrieben werden. Es gibt Untersuchungen aus Notfallaufnahmen, die zeigen, dass Frauen später behandelt, weniger häufig nach ihrer Schmerzintensität gefragt und weniger häufig mit Schmerzmitteln versorgt wurden als Männer. Solche Vorurteile können also ganz konkrete Auswirkungen auf die medizinische Versorgung haben.
Hat sich durch die Berücksichtigung der Gendermedizin in der Ausbildung bereits etwas verändert?
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Die jüngere Generation wird heute stärker dafür sensibilisiert. Sie hört bereits während der Ausbildung von diesen Unterschieden und damit ist zumindest ein Bewusstsein vorhanden. Entscheidend ist natürlich, dass dieses Wissen später auch im medizinischen Alltag umgesetzt wird.
In den Wechseljahren können Frauen mit sehr unterschiedlichen Beschwerden konfrontiert sein. Welche Bedeutung hat das aus Sicht der Gendermedizin?
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Eine sehr große. In dieser Phase kommt es zu starken hormonellen Veränderungen und Schwankungen. Progesteron und Östrogen verändern sich, und das kann sich unter anderem auf Stimmung, Schlaf und Schmerzempfinden auswirken. Muskel- und Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen oder Migräne können in dieser Phase eine Rolle spielen. Gerade aus schmerzmedizinischer Sicht sind die Wechseljahre deshalb sehr interessant.
Warum beeinflussen Hormone das Schmerzempfinden so stark?
Schon während des normalen Zyklus verändern sich Schmerzschwelle und Schmerztoleranz. Steigt nach der Menstruation der Östrogenspiegel, sind Schmerzschwelle und Schmerztoleranz höher. Vor der Monatsblutung fallen Östrogen und Progesteron stark ab, gleichzeitig können Schmerzempfindlichkeit und beispielsweise das Migränerisiko steigen. In der menopausalen Phase können diese hormonellen Schwankungen besonders ausgeprägt sein. Entsprechend können auch Schmerzen, Schlafprobleme oder Stimmungsschwankungen stärker schwanken.
Frauen berichten in den Wechseljahren häufig von Muskel- und Gelenkschmerzen, ohne diese mit den hormonellen Veränderungen in Verbindung zu bringen. Wird das in der Medizin ausreichend berücksichtigt?
Genau hier ist es wichtig, Frauen ernst zu nehmen und Beschwerden nicht vorschnell der Psyche zuzuschreiben. Das gilt grundsätzlich, aber gerade bei Frauen sehen wir häufiger unspezifische Diagnosen. In meiner Ordination erlebe ich beispielsweise Patientinnen, bei denen eine somatoforme Schmerzstörung diagnostiziert wurde, obwohl körperliche und anatomisch erklärbare Ursachen für ihre Beschwerden vorhanden sind.
Welche Unterschiede zwischen Frauen und Männern kennt man in der Schmerzmedizin heute?
Wir wissen beispielsweise, dass Frauen längere Schmerzphasen, stärkere Schmerzen und Schmerzen an mehreren Körperregionen haben können. Kopfschmerzen und Migräne spielen eine große Rolle, ebenso bestimmte Beschwerden im Kieferbereich, rheumatoide Arthritis oder Fibromyalgie. Auch bei der Schmerzverarbeitung gibt es Unterschiede. Das zeigt, dass Schmerz nicht einfach bei jedem Menschen nach demselben Schema funktioniert.
Brauchen wir also eine spezifisch weibliche Schmerzmedizin?
Wir brauchen vor allem eine Medizin, die Unterschiede berücksichtigt. Das betrifft die Diagnostik ebenso wie die Therapie und die Dosierung von Medikamenten. Frauen haben beispielsweise häufiger Nebenwirkungen von Arzneimitteln. Gleichzeitig wissen wir, dass manche Medikamente bei Frauen und Männern unterschiedlich stark wirken können. Solches Wissen muss in die Behandlung einfließen.
Lange wurde kritisiert, dass Medikamente überwiegend an Männern untersucht wurden. Ist das heute noch der Fall?
Früher wurden Arzneimittelstudien tatsächlich vorwiegend mit Männern durchgeführt, unter anderem weil man Schwangerschaften und hormonelle Schwankungen bei Studienteilnehmerinnen vermeiden wollte. Das hat sich geändert. Heute gibt es Vorgaben der Arzneimittelbehörden, die unter anderem eine entsprechende Berücksichtigung von Geschlecht und Alter in Studien verlangen. Hier hat es also Fortschritte gegeben.
Was müsste sich, unabhängig von weiterer Forschung, in der Versorgung von Frauen ändern?
Das Wichtigste ist eigentlich sehr einfach: Ärztinnen und Ärzte müssen Frauen ernst nehmen, genau hinschauen und Beschwerden korrekt abklären, statt sie vorschnell als psychisch einzustufen. Wenn man den Menschen vor sich ernst nimmt, sorgfältig untersucht und bei Medikamenten Wirkungen und Nebenwirkungen berücksichtigt, ist bereits sehr viel erreicht.
Was raten Sie Frauen, die das Gefühl haben, mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen zu werden?
Dann sollten sie sich eine andere Ärztin oder einen anderen Arzt suchen. Frauen sollten mit ihren Beschwerden zum Arzt gehen und darauf bestehen, dass diese entsprechend abgeklärt werden.
Wo sehen Sie die Zukunft der Gendermedizin?
Es wird noch wesentlich mehr Forschung geben. In der Schmerzmedizin müssen wir beispielsweise das periphere und zentrale Nervensystem weiter untersuchen. Auch psychosoziale Faktoren spielen eine Rolle. Gleichzeitig müssen wir genauer verstehen, welche Behandlungsmethoden bei Frauen und Männern besonders gut wirken und wie Medikamente je nach Geschlecht unterschiedlich wirken. Ziel muss sein, dieses Wissen zu nutzen, um beide Geschlechter besser und individueller behandeln zu können.
Gendermedizin ist also weit mehr als Frauengesundheit?
Natürlich. Neurologische, psychiatrische, internistische und Stoffwechselerkrankungen werden zunehmend geschlechtsspezifisch untersucht. Mein eigenes Fachgebiet ist die Schmerzmedizin, und auch hier tut sich sehr viel. Entscheidend ist letztlich die Erkenntnis, dass es relevante Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt und dass wir diese in der Medizin berücksichtigen müssen.
Oberärztin Dr. Waltraud Stromer ist Fachärztin für Anästhesiologie und allgemeine Intensivmedizin sowie Vizepräsidentin der Österreichischen Schmerzgesellschaft. Ihr besonderer Schwerpunkt liegt auf der Schmerzmedizin und geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Schmerzverarbeitung.
Am Wechselweise MenoDay am 18. Oktober 2026 im Palais Niederösterreich in Wien spricht sie zum Thema Frauen leiden anders: Genderaspekte in der Schmerztherapie.
Das Wichtigste in Kürze:
Warum ist Gendermedizin wichtig?
Biologisches und soziales Geschlecht können Krankheitsrisiken, Symptome sowie Wirkung und Nebenwirkungen von Therapien beeinflussen. Das sollte bei Diagnostik und Behandlung berücksichtigt werden.
Welche Rolle spielen die Wechseljahre?
Hormonelle Veränderungen können Schmerzempfinden und Migräne beeinflussen. Muskel und Gelenkschmerzen treten rund um die Menopause ebenfalls häufig auf.
Was können Frauen tun, wenn sie sich nicht ernst genommen fühlen?
Beschwerden sollten sorgfältig abgeklärt und nicht vorschnell der Psyche zugeschrieben werden. Im Zweifel kann eine weitere ärztliche Meinung sinnvoll sein.
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