Ich erkenne mich selbst nicht wieder. Es ist ein Satz, den die Psychotherapeutin Sandra Tschöpe häufig von Frauen in den Wechseljahren hört. Und einer, den sie allzu gut nachvollziehen kann. Mitte 40 begann sie unter gedrückter Stimmung, Schlafstörungen und Energieverlust zu leiden. Selbst ihr Arbeitsalltag als Psychotherapeutin erschien ihr plötzlich kaum noch bewältigbar. Erst die intensive Beschäftigung mit den Wechseljahren brachte für sie die fehlende Erklärung.
Diese Erfahrung war schließlich einer der Anstöße für ihr aktuelles Buch My Meno Mind – Was deiner Psyche in den Wechseljahren hilft. Darin richtet Tschöpe den Blick auf einen Bereich, der lange im Schatten von Hitzewallungen, Zyklusveränderungen & Co. stand: Was passiert in den Wechseljahren eigentlich mit unserer Psyche? Dass das Thema viele Frauen betrifft, zeigen einige der Untersuchungen, die Tschöpe in ihrem Buch zusammengetragen hat.
Mehr als 60 Prozent: Ich fühle mich nicht wie ich selbst
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Besonders eindrücklich ist eine 2024 veröffentlichte Befragung von 1.000 Frauen zwischen 35 und 55 Jahren in der späten reproduktiven Phase und der Perimenopause. Sie wurden gefragt, wie häufig sie in den vergangenen drei Monaten das Gefühl hatten, nicht sie selbst zu sein. Das Ergebnis: Mehr als 60 Prozent erlebten diesen Zustand mindestens die Hälfte der Zeit.
Bemerkenswert ist, welche Beschwerden besonders eng mit diesem Gefühl verbunden waren. Es waren nicht in erster Linie die klassischen körperlichen Symptome der Wechseljahre, sondern Erschöpfung und Müdigkeit, Überforderung, Traurigkeit und Antriebslosigkeit, Nervosität und Ängstlichkeit, Reizbarkeit und Stimmungsschwankungen sowie Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und Entscheidungen zu treffen. Damit bekommt ein Gefühl, das schwer in Worte zu fassen ist, plötzlich eine erstaunlich konkrete Dimension.
Man sieht im Spiegel vielleicht noch dieselbe Frau – und erlebt sich trotzdem anders. Weniger belastbar. Dünnhäutiger. Ängstlicher. Erschöpfter. Tschöpe kennt dafür aus ihrer Praxis einen besonders treffenden Satz einer Klientin: Früher sei sie immer die gewesen, die das Klavier getragen habe – und nicht die Noten. Was aber passiert, wenn ausgerechnet jene Eigenschaften ins Wanken geraten, über die wir uns jahrelang definiert haben?
Wechseljahre als Window of Vulnerability
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Eine mögliche Erklärung liefert das sogenannte Window of Vulnerability – übersetzt das Fenster der Verletzlichkeit. Damit bezeichnet die Forschung Lebensabschnitte, in denen Menschen aufgrund biologischer und psychosozialer Veränderungen anfälliger für psychische Erkrankungen sein können. Auch die Wechseljahre werden als ein solches sensibles Zeitfenster beschrieben.
Besonders gut untersucht ist dieses erhöhte Risiko für die Perimenopause, also die Übergangsphase vor und rund um die letzte Regelblutung. Das bedeutet keineswegs, dass Wechseljahre automatisch psychisch krank machen. Es bedeutet vielmehr: Die Psyche kann in dieser Phase verletzlicher sein als zuvor.
Wie relevant das sein kann, zeigt eine weitere Zahl aus dem Buch. Frauen berichten grundsätzlich häufiger von depressiven Episoden als Männer. Während der Wechseljahre kann das Risiko für depressive Erkrankungen laut den von Tschöpe herangezogenen Quellen sogar drei- bis vierfach erhöht sein. Eine von ihr angeführte britische Untersuchung aus dem Jahr 2024 betrachtete Frauen, die zuvor noch nie eine Depression erlebt hatten. Das Ergebnis: In der hormonellen Übergangsphase war die Wahrscheinlichkeit einer erstmaligen schweren depressiven Episode um rund 30 Prozent erhöht. Das sind Zahlen, die ein lange gepflegtes Bild der Wechseljahre zurechtrücken: Die Veränderungen spielen sich nicht nur im Körper ab.
Die Wechseljahre finden auch im Gehirn statt
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Hormone wirken schließlich nicht ausschließlich auf unsere Fortpflanzungsorgane. Östrogenrezeptoren befinden sich auch in verschiedenen Regionen des Gehirns – etwa dort, wo Gedächtnis, Emotionen, Schlaf oder Temperaturregulation gesteuert werden. Tschöpe spricht deshalb von einer neurologischen Umbruchphase. Auch Botenstoffe wie Serotonin, Dopamin und GABA stehen mit Sexualhormonen in Wechselwirkung. Sie spielen wiederum für Stimmung, Motivation, Ruhe und Stressverarbeitung eine Rolle.
Interessant ist beispielsweise Progesteron. Ein Abbauprodukt des Hormons, Allopregnanolon, wirkt auf das GABA-System, das vereinfacht gesagt zu den beruhigenden Systemen unseres Gehirns gehört. Veränderungen könnten deshalb unter anderem innere Unruhe, Schlafprobleme, Reizbarkeit oder Ängstlichkeit begünstigen. Wichtig bleibt jedoch: Die Mechanismen sind komplex und wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt. Weniger Östrogen gleich Depression wäre eine viel zu einfache Rechnung.
Aber warum trifft es manche Frauen so viel stärker?
Das ist vielleicht eine der interessantesten Fragen des Buches. Denn alle Frauen kommen in die Wechseljahre – aber keineswegs alle erleben dieselben psychischen Veränderungen. Tschöpe zitiert eine Untersuchung, nach der rund um die Wechseljahre etwa 20 Prozent der Frauen Stimmungsschwankungen und depressive Symptome erleben. Als einen Erklärungsansatz dafür, warum die eine Frau stark und die andere kaum betroffen ist, nennt sie die Hormonsensitivität. Vereinfacht gesagt: Nicht jedes Gehirn reagiert gleich auf hormonelle Veränderungen. Die Hormonrezeptoren können bei Frauen unterschiedlich sensibel auf Hormone und deren Konzentrationen reagieren. Und das führt zu einer spannenden Spur durch das gesamte Leben einer Frau.
Tschöpe beschreibt im Buch das Konzept der reproduktiven Depression. Dahinter steht die Beobachtung, dass depressive Beschwerden bei manchen Frauen gerade in Lebensphasen auftreten, in denen sich hormonell besonders viel verändert: rund um den Menstruationszyklus, nach einer Schwangerschaft und während der Wechseljahre. Die mögliche Erklärung: Das Gehirn mancher Frauen könnte besonders empfindlich auf hormonelle Schwankungen reagieren.
Das bedeutet nicht, dass eine Frau mit PMS oder PMDS später automatisch eine Depression in den Wechseljahren entwickelt. Es eröffnet aber eine interessante Perspektive: Wie haben wir eigentlich früher auf hormonelle Veränderungen reagiert? Auch die eigene Vorgeschichte kann damit zu einem wichtigen Puzzlestein werden, wenn psychische Beschwerden in den Wechseljahren auftreten.
Es sind nicht nur die Hormone: Angst in den Wechseljahren
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Nicht nur Depressionen spielen in diesem Window of Vulnerability eine Rolle. Tschöpe beschreibt die Wechseljahre auch im Hinblick auf Ängste als mögliches vulnerables Zeitfenster. Dabei könnten biologische Veränderungen und die häufig hohe Stressbelastung dieser Lebensphase zusammenspielen: Panikattacken verunsichern besonders. Denn typische körperliche Angstreaktionen wie Herzrasen, Schwitzen oder Schwindel können sich mit Beschwerden der Wechseljahre überschneiden. Was ist Hitzewallung, was Angstreaktion? Was kommt zuerst? Auch deshalb ist es wichtig, neue oder starke Beschwerden nicht einfach als die Hormone abzutun.
Eine weitere Stärke des Buches liegt darin, dass Tschöpe die Wechseljahre nicht auf Hormone reduziert. Die psychische Gesundheit versteht sie anhand eines biopsychosozialen Modells: Biologische Veränderungen treffen auf persönliche Erfahrungen und auf die aktuelle Lebenssituation. Und gerade in der Lebensmitte kann einiges zusammenkommen. Berufliche Verantwortung, Kinder, Mental Load, alternde Eltern, Partnerschaft, Care-Arbeit – gleichzeitig beginnen vielleicht Fragen lauter zu werden, die sich lange vertagen ließen: Bin ich mit meinem Leben zufrieden? Was will ich noch? Und was eigentlich nicht mehr? Tschöpe bringt deshalb Hormonsensitivität und Lebensumstände zusammen.
Verschiedene Faktoren können bei jeder Frau unterschiedlich stark ins Gewicht fallen. Der gut gemeinte Rat, doch einfach weniger Stress zu haben, greift damit ebenso zu kurz wie die Annahme, sämtliche psychischen Beschwerden seien ausschließlich hormonell verursacht.
Nur Stimmungstief oder bereits Depression?
Gerade weil die Wechseljahre ein psychisch verletzlicheres Zeitfenster sein können, ist eine Unterscheidung besonders wichtig: Stimmungsschwankungen oder depressive Verstimmungen sind nicht automatisch eine Depression. Tschöpe nennt als zentrale Symptome einer klinischen Depression anhaltend gedrückte Stimmung, den Verlust von Interesse und Freude sowie verminderten Antrieb. Für die Diagnose einer Depression spielen neben Art und Anzahl der Symptome auch deren Dauer und Auswirkungen auf den Alltag eine Rolle - typischerweise bestehen die Beschwerden mindestens zwei Wochen. Auch Ängste können in den Wechseljahren auftreten, ohne dass automatisch eine Angststörung vorliegt. Werden sie jedoch stark, anhaltend oder beginnen sie, Alltag, Beruf und Beziehungen zu bestimmen, sollte professionelle Hilfe gesucht werden.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft hinter dem Window of Vulnerability. Die Wechseljahre können eine Phase sein, in der das psychische Gleichgewicht leichter ins Wanken gerät. Das ist aber weder eine Diagnose noch ein unausweichliches Schicksal. Tschöpe setzt deshalb stark auf psychische Gesundheitskompetenz: verstehen, was mit einem passiert, die eigenen Bedürfnisse erkennen, Beschwerden richtig einordnen und wissen, wann Unterstützung notwendig ist.
Psychische Gesundheitskompetenz sei nichts, womit wir geboren werden – sie könne aber erlernt werden. Vielleicht hilft dieses Wissen auch gegen jenes verstörende Gefühl, das so viele Frauen aus der eingangs erwähnten Befragung kennen: Ich bin nicht mehr ich. Denn die interessantere Frage könnte lauten: Bin ich tatsächlich eine andere geworden – oder reagiert mein System einfach anders als früher? Die Wechseljahre machen darauf keine einfache Antwort möglich. Aber sie liefern möglicherweise einen Teil der Erklärung.
Das Wichtigste in Kürze:
Warum kann die Psyche in den Wechseljahren verletzlicher sein?
Besonders in der Perimenopause können hormonelle Veränderungen mit Schlafproblemen, Stress und persönlichen Belastungen zusammenspielen und die psychische Verletzlichkeit erhöhen.
Steigt in der Perimenopause das Risiko für Depressionen?
Ja. Aktuelle Studien zeigen ein erhöhtes Risiko für depressive Symptome und Erkrankungen. Das bedeutet aber nicht, dass jede Frau eine Depression entwickelt.
Warum sind manche Frauen stärker betroffen als andere?
Neben individuellen Reaktionen auf hormonelle Veränderungen spielen frühere depressive Beschwerden, Schlaf, vasomotorische Symptome, Stress und psychosoziale Belastungen eine Rolle.
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