Viele Frauen, die zu mir kommen, sagen irgendwann einen Satz, der mich aufhorchen lässt: Ich fühle mich wie eine alte Schachtel. Vielleicht verwenden sie dabei auch andere Worte. Aber das Gefühl dahinter ist dasselbe: Ich werde weniger gesehen. Ich fühle mich ungeliebt. Mein Körper verändert sich. Meine bisherige Rolle als Frau verändert sich. Und plötzlich stellt sich eine Frage, die viel tiefer geht als die nach ein paar Falten oder zusätzlichen Kilos: Was bin ich eigentlich noch wert?
Die Wechseljahre sind deshalb für mich weit mehr als eine körperliche Veränderung. Die Hormone halten uns auch dann noch im Bann, wenn Kinderwunsch und Gebärfähigkeit längst kein Thema mehr sind. Gleichzeitig befinden wir uns in einer Lebensphase, in der vieles, worüber wir uns jahrzehntelang definiert haben, ins Wanken geraten kann. Und genau hier und jetzt lohnt es sich hinzuschauen.
Sich frei machen vom Applaus der anderen
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Wir leben in einer stark narzisstisch geprägten Gesellschaft. Wir betrachten wir uns immer weniger mit unseren eigenen Augen und immer häufiger mit den Augen anderer. Wie wirke ich? Bin ich attraktiv genug? Erfolgreich genug? Schlank genug? Interessant genug? Bekomme ich Anerkennung? Kurzum: Wir erwarten Applaus.
Natürlich tut Bestätigung gut. Problematisch wird es dann, wenn mein Selbstwert davon abhängig ist. Denn wenn mein Gefühl für den eigenen Wert ausschließlich von außen kommt, werde ich nie wirklich frei sein. Es wird immer jemanden geben, der jünger, schöner, erfolgreicher oder scheinbar glücklicher ist. Und es wird immer Situationen geben, in denen der Applaus ausbleibt. Deshalb arbeite ich mit meinen Klientinnen daran, den Blick wieder umzudrehen: weg von der Frage Was denken die anderen über mich? und hin zu Was denke ich über mich?.
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Selbstwert bedeutet zunächst, zu erkennen: Ich bin wertvoll. Nicht, weil ich etwas Besonderes geleistet habe. Nicht, weil jemand mich sexy findet. Nicht, weil meine Kinder mich brauchen oder ich beruflich erfolgreich bin. Sondern einfach, weil ich da bin. Selbst wenn du denkst, im Leben nichts mehr zu haben, wenn du glaubst, den Griff zu verlieren, so hast du immer noch: dich. Dein ICH kann dir niemand nehmen.
Für viele Frauen ist es erstaunlich schwer, dieses Gefühl tatsächlich zuzulassen. Deshalb arbeite ich nicht nur mit großen Erkenntnissen und radikalen Umbrüchen. Veränderung entsteht oft in sehr kleinen, aber sorgsamen Schritten.
Worauf bist du heute stolz?
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Eine meiner Übungen dazu ist deshalb denkbar einfach: Überlege dir jeden Abend vor dem Einschlafen, worauf du heute stolz sein kannst. Wenn ich diese Frage zum ersten Mal stelle, sind viele Frauen überfordert. Ich weiß nicht. Oder: Heute ist doch gar nichts Besonderes passiert.
Aber darum geht es nicht. Vielleicht hast du dich heute nicht unterkriegen lassen. Vielleicht hast du eine Grenze gesetzt. Vielleicht bist du für dich eingestanden. Vielleicht hast du in einer schwierigen Situation nicht sofort zurückgeschossen. Vielleicht hast du eine Bemerkung nicht automatisch als persönliche Beleidigung verstanden, sondern nachgefragt: Wie meinst du das? Was möchtest du mir damit sagen? Auch darauf darf man stolz sein.
Stolz ist leider häufig negativ besetzt. Dabei ist gesunder Stolz etwas völlig anderes als Arroganz. Er hilft mir, meinen eigenen Wert wahrzunehmen. Ein Mensch, der seinen Wert kennt, muss ihn nicht permanent beweisen.
Gerne ergänze ich den mentalen Teil mit Übungen, die eine stärkere körperliche Komponente beinhalten – und halte meine Klientinnen sprichwörtlich den Spiegel vor. Den eigenen Körper nicht nach gängigen Beauty-Standards zu bewerten, steht hier im Mittelpunkt – denn diese sind weder allgemeingültig noch für die meisten Menschen dauerhaft erreichbar
Raus aus der Negativspirale, hinein in die Präsenz
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Ein weiterer wichtiger Teil meiner Arbeit ist deshalb das Hier und Jetzt. Wenn wir in einer Negativspirale stecken, sind unsere Gedanken häufig überall – nur nicht dort, wo wir gerade sind. Wir denken darüber nach, was früher besser war. Wir sorgen uns darum, was morgen passieren könnte. Wir vergleichen uns. Wir bewerten uns.
Auch hier helfen kleine, alltagstaugliche Übungen, um mehr im Moment zu sein. Denn wie bereits erwähnt: Wir neigen dazu, für große Probleme stets nach großen Lösungen zu suchen. In meiner therapeutischen Arbeit erlebe ich aber immer wieder, dass Veränderung anders funktioniert. Nämlich mit dem Moment, in dem ich nicht automatisch glaube, was ich über mich denke, sondern mich frage: Ist das wirklich meine eigene Sicht auf mich – oder sehe ich mich gerade mit den Augen der anderen?
Die Wechseljahre verändern unseren Körper, unsere Psyche. Sie können unsere Beziehungen verändern, unsere berufliche Rolle, unsere Sexualität und unser Selbstbild. Aber Veränderung bedeutet nicht automatisch Verlust. Vielleicht liegt genau darin der Sinn dieser Lebensphase: nicht mehr darauf zu warten, dass andere uns sagen, wie wertvoll wir sind. Sondern es selbst zu wissen.
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